Mein Sohn hat ein Freundebuch mit nach Hause gebracht
eines von vielen
Es wird herumgereicht
ausgefüllt
weitergegeben
ganz selbstverständlich
Und während ich ihm dabei zusehe, merke ich, wie viel das in mir auslöst
Ein Vergleich, der einfach passiert
In seinem Alter hatte ich nicht einmal ansatzweise so viele Freundebücher
Schon im Kindergarten gingen sie herum
von Kind zu Kind
an mir vorbei
Auch später in der Schule
fast wie immer das gleiche Bild
Freundebücher waren da
aber irgendwie selten bis nie bei mir
Eine stille, traurige Kindheit
Meine Kindheit war nicht laut traurig
sondern leise
Dieses Gefühl, nicht richtig dazuzugehören
nicht gefragt zu werden
übersehen zu werden
Als Kind versteht man nicht, warum
man nimmt es einfach hin und ist bedröppelt
Heute als Mama
Jetzt halte ich das Freundebuch eines Kindes das bei meinem Sohn in die Klasse geht
in der Hand & sehe, wie selbstverständlich er dazugehört
Wie normal es für ihn ist, Teil von etwas zu sein
Und irgendwo tut es weh
aber gleichzeitig ist da auch etwas anderes
Erleichterung
Dankbarkeit
dass es für ihn anders ist
Gedanken, die bleiben
Manche Dinge aus der eigenen Kindheit
holen einen unerwartet ein
Nicht als Vorwurf
nicht als Wunde, die wieder aufreißt
Sondern als Erinnerung daran
wie sehr man sich wünscht, dass es die eigenen Kinder leichter haben
Ein leiser Moment
Dieses Freundebuch ist nur Papier
ein paar Seiten
ein paar Namen
Und trotzdem erzählt es eine Geschichte
von früher
& von heute
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